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Spätlese – Ein Sommertag im Rheingau

Unser Ausflug in den Rheingau offenbart neue Ansätze, viel Liebe zur Region und viel Elan.

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Im Spätsommer letzten Jahres zog es uns für einen Nachmittag in den Rheingau. Was wir erlebten, wie die Winzer*innen dort ticken und wieso ein Sport-studierter DJ und sein Bruder auf einmal Stars in der Szene sind.

Durchaus schwül, etwas bewölkt, aber noch Sommer. So ist das Wetter an diesem Freitag letzten Jahres, den wir dem schönsten Anbaugebiet zwischen Rheinhessen und dem Mittelrhein widmen. Noch etwas „angeschlagen“ vom Ausflug Tags davor in die Kurpfalz, sind wir angemeldet bei zwei Weingütern. Beide versprechen ein interessantes Erlebnis, jedes auf seine Art.

Gegen 12:00 Uhr treffen wir in Eltville-Erbach ein. Das Sharing-Auto parken wir vor historischen Mauern. Ein Mitarbeiter des Weinguts Baron von Knyphausen empfängt uns. Ein entspannt wirkender, wohl-bärtiger Herr, der für den Vertrieb zuständig sei. Wir kennen das Gut zugegebenermaßen kaum, seine Weine noch weniger. Deswegen: Gibt’s erst einmal einen Riesling, einen Roten Riesling.

Den hatten wir damals erst einmal im Glas, er wird uns als selten und fast einzigartig vorgestellt. Eine der Flächen dieser Sorte würde vom Weingut bewirtschaftet, neben einigen wenigen am Mittelrhein. Uns präsentiert sich ein feiner, leichter, Riesling-artiger Wein, der im Mund wirkt wie ein Riesling-Rosé. Sehr fruchtig, lecker und bestimmt passend als Aperitif.

Große Geschichte im Gut 

Unser kleiner Rundgang über das Adelsgut offenbart die große Historie dieses Weinguts im Rheingau. Ein lange als Residenz dienendes Gutsgebäude, viel Fläche und gar eine kleine Parzelle Wein innerhalb der altehrwürdigen Mauern zeugen von einer langen Geschichte. Unser Spaziergang, jäh von einem Regenschauer unterbrochen, findet im Inneren seine Fortsetzung. Der mit viel Edelstahl gefüllte oberirdische Keller macht einen sehr modernen Eindruck; keine Spur von historischem Antlitz. Auch Holz gibt es hier, die Barriques sind jedoch abgetrennt in einem anderen Kellerteil zu finden, quasi in der ersten Klasse.

Das Hauptgebäude, in dem im hinteren Teil die Produktion und im vorderen die Vinothek und Büros untergebracht sind, wirkt stimmig. Das Historische scheint durchaus überdacht mit dem Modernen und Unerlässlichen in Einklang gebracht worden zu sein. Gerade die Vinothek glänzt mit einem eher minimalistischen, aufgeräumten Stil.


“Schiefer & Wonne”

Das Weingut Matthias Müller in Spay hat einen spannenden Weg eingeschlagen. Neue Herausforderungen und traditionelle Herangehensweisen prägen die Winzerfamilie.
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“Schiefer & Wonne”

Das Weingut Matthias Müller in Spay hat einen spannenden Weg eingeschlagen. Neue Herausforderungen und traditionelle Herangehensweisen prägen die Winzerfamilie.
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Was uns auf eine besondere Weise beeindruckt, sind die Visionen, die dieses dem VDP angehörige Weingut hat: Nicht, weil sie von Weinen und der Zukunft dieser handeln, sondern weil sie eigentlich wenig mit dem Weinbau zutun haben. Das Weingut möchte nach unserem Verständnis etwas mit seinem Erbe anstellen, anstatt es auf der Bank liegen zu lassen, symbolisch gemeint. Dabei geht es nicht nur um das direkte Erbe, das dem Gut eine klare historische Tradition beschert.

Den Wandel begriffen

Eher geht es um das Erbe „Rheingau“, das das adlige Weingut bereit zu sein scheint, anzutreten. Mit mehr Veranstaltungen, völlig neuen Erlebnissen und der Einbeziehung der Region und verschiedener Partner möchte man das schaffen, was viele als den goldenen Topf am Ende des Trabuben-Regenbogens sehen. Emotionen erzeugen, Menschen überzeugen von einer gesamten Region und einer Kultur. Das scheint Ziel der Bemühungen zu sein, die das Weingut auf sich nimmt. Verknüpft man nämlich das sowieso in Hülle und Fülle Vorhandene (den Wein) mit dem Neuen, den Events, emotionalen „Triggern“, kann eine Bindung entstehen, die viele sonst langwierige Schritte überspringen kann.

Ob man letztlich derart über diese Ideen philosophieren muss, sei einmal dahingestellt. Die Angehörigen des Weinguts Baron von Knyphausen haben jedoch eine gute Idee, das riesige Areal am Ortsrand von Eltville zur Geltung zu bringen. Wer weiß, vielleicht sehen wir vor Ort bald auch einen Abend für partybegeisterte junge Leute, die gute Weine bei guter Musik kennenlernen möchten 😉

Der Blick Richtung Eltville

Die verrückten Hutträger

Inzwischen ist es eine gute Stunde später, wir müssen uns etwas beeilen, um auch pünktlich bei unserem zweiten Gastgeber zu sein. Wir besuchen ein Weingut, das die Autoren dieses Blogs bisher nur über ihren – wir wir finden – starken Social-Media-Auftritt kennen. Wir sind auf die beiden Brüder aufmerksam geworden, weil sie in der Corona-Pandemie das getan haben, was Winzer*innen oft gut können: Quatschen. Über Wein. Eine Sache haben die beiden aber anders bzw. deutlich besser gemacht als andere. Sie haben es trotz Online-Weinproben geschafft, ihre Getränke mit wahnsinnig positiven Emotionen aufzuladen.

Winzer Marius Dillmann

Mit großem Aufwand, professionellem Setup und dem Gepäck voll guter Musik feinster Elektro-Interpret*innen, schaffen es Marius und Marcel Dillmann, die Weinwelt von der Basis angefangen, auf eine völlig andere Weise zu erobern. Die Hutträger haben es von ihrer am Geisenheimer Ortsrand, direkt an den Weinbergen gelegenen Halle mit Anlauf in die Köpfe vieler deutscher Weintrinkerinnen und -trinker geschafft. Coole DJ-Proben, Gäste, die eigene Weine vorstellen und vor allem gute Laune und Lust auf den Abend, machen dabei die Erlebnis-Abende der Kreativköpfe aus.

Neue Kanäle zu Corona-Zeiten

Marius, der jüngere der beiden, ist Quereinsteiger. Wenn er nicht gerade DJ ist und in den Clubs von Mainz und anderen Städten die Bässe hochdreht, ist er derjenige, der sich um vieles kümmert, was so neben dem Weinmachen anfällt. Der Sport-Absolvent fand nach seinem Studium viel Gefallen am ursprünglich nebenberuflich geführten Weingut des Vaters; auch er war schon Quereinsteiger. Kellerbruder des Guts ist Marcel. Marius nennt ihn im Gespräch mit uns auch den „Freak im Keller“. Viel Perfektionismus sei bei ihm dabei, vor allem aber viel Spaß an der Arbeit mit dem Traubensaft.

Das Weingut ist idyllisch gelegen und auch Freunde und Fans von Umspannwerken (eines liegt direkt hinter dem Gut) kommen voll auf ihr Kosten. Wieso das völlig zur Location passt? Elektrisch und elektronisch kann es auch auf der großen Fläche neben dem Gut sowieso werden, wenn Marius im Sommer hier mit Kumpels und Kumpelinen auflegt. Wir können uns das an diesem wechselhaften Tag zwar nur im Kopf vorstellen, halten eine hippe Partylocation aber für mehr als möglich.

Die Halle der Dillmänner wirkt von außen eher karg, von innen bietet sie allerhand Modernes und viele Details. Ein Anbau lässt den Familienbetrieb einige Edelstahltanks unterbringen, alle natürlich mit modernen Kühlkonzepten ausgestattet und sehr schick, so in Reihe aufgestellt. Das wahre Highlight findet sich jedoch eine Etage tiefer. Der Barrique-Keller sieht aus wie aus dem Katalog respektive aus so mancher italienischer Architektur-Schmiede. Indirekte Beleuchtung, schwarzer Boden, „bei dem die gesagt haben ‚das kannste nicht machen, in schwarz, da siehst du ja alles‘“ mit feinen Abläufen und ein kleiner Bereich mit DJ-Pult, Couch und Tisch sorgen für eine sehr stimmige Atmosphäre im Keller. Nicht nur Dekoration sind hier die Details des Barrique-Kellers der Domaine Dillmann. In zahlreichen Live-Tastings online sorgten sie für das gewisse Extra, das anderen Weingütern leider häufig fremd ist.

Der moderne Barrique-Keller der Dillmanns

Rheingau-typische, zitrische Weine machen die Männer hier. Von Basis bis Lage ist alles dabei, für jeden Geldbeutel und jede Stilpräferenz. Frische Namen geben den ohnehin optisch starken Weinen witzige Botschaften mit auf den Weg.

Unser Fazit zum Kurztrip in den Rheingau

Neben Wein geht es im Rheingau häufig um Emotion. Man scheint verstanden zu haben, dass sich Wein, wenn ihm nicht gerade sein Name vorauseilt, eben nicht nur über seinen Geschmack verkauft. Die Nähe zur Hochschule für Weinbau in Geisenheim mag da ihre Synergien wirken lassen. Man beschränkt sich nicht auf Schiefer in blau, grün, rot, grau und welcher Farbe auch immer. Man schaut über den Tellerrand hinaus, verbindet die Vorteile zweier benachbarter Universitätsstädte mit dem eigenen Produkt und verkennt dabei mitnichten jene Chancen, die die vielen Tourist*innen im Rheingau bieten. Alles in allem bewegen sich die besuchten Weingüter auf einem guten Weg und scheinen Nischen gefunden zu haben, die sie wirklich treffend ausfüllen.

Wir freuen uns auf ein Wiedersehen mit den Dillmännern und dem Weingut Baron von Knyphausen.

Unsere Rheingau-Highlights